Das Bauchhirn
Manchmal ist unser Bauch dem Kopf einen Schritt voraus. Wenn wir verliebt sind, melden sich die Schmetterlinge im Bauch. Läuft mal alles schief, haben wir Wut im Bauch. Und die besten Entscheidungen sind oft die, die wir aus dem Bauch heraus treffen.
Werden Menschen gefragt, wo Gesundheit, Emotionen und Intuitionen am besten zu orten sind, zeigen sie meistens auf ihren Bauch.
Mit 100 Millionen Nervenzellen enthält das Bauchhirn mehr Nerven als die Wirbelsäule. Das zweite Gehirn ist also wie ein Abbild des Kopfhirns, Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind alle gleich.
Im Laufe eines 75-jährigen Lebens wandern mehr als 30 Tonnen Nahrung und 50000 Liter Flüssigkeit durch das Gedärm. Millionen von Giften und Gefahren müssen gemeistert werden. Vieles läuft völlig autonom vom Kopf ab. Gelangen allerdings Gifte in den Körper, fühlt das Bauchhirn die Gefahr zuerst und schickt sofort Alarmsignale ins Oberstübchen.
Äußerlich und innerlich sehen Gehirn und Darmtrakt fast gleich aus- wissen Anatomen seit langem. Je tiefer Prozesse im Verdauungstrakt ablaufen, umso schwächer wird die Herrschaft des Kopfhirns. Mund, Speiseröhre und Magen lassen sich temporär noch „ von oben“ beeinflussen. Aber spätestens ab dem Magenausgang übernimmt das Bauchhirn die Regie. Erst am Ende, Rektum und Anus (Mastdarm und After), nimmt das Kopfhirn bewusster Steuerung wieder Einfluss.
Das Denkorgan im Bauch kann durchaus als ein unabhängiger Geist im Körper bezeichnet werden. Das Bauchhirn gibt auch den Nachbarorganen Anweisungen, koordiniert die Infektabwehr und die Muskelbewegungen. Es arbeitet organisiert und ist in der Lage, unterschiedliche Zustände zu registrieren und daraufhin die richtigen Programme abzurufen. In diesem Sinne kann man durchaus sagen: Das Bauchhirn denkt immer mit.
Spannend ist zudem auch, das der Nervenbotenstoff Serotonin, der auch als Glückshormon bezeichnet wird, zu 95% in den Nervenzellen der Darmwand synthesiert und gelagert wird. Insgesamt werden mindestens 40 verschiedene Nervenbotenstoffe produziert und reguliert. Über sie erfolgt die Kommunikation zwischen den beiden Gehirnen. Depressionen, die ja immer mit einem erniedrigten Serotonin-Spiegel einhergehen, könnten vielleicht mehr mit einem Spannungs- bzw. Panzerungszustand im Magen-Darm-Bereich als mit einem gestörten Hirnstoffwechsel zu tun haben, meint Gershon. Auch bei Nahrungsmittelallergien soll das Darmhirn nach neuesten Erkenntnissen mitspielen. Schon länger weiß man, dass die zum Immunsystem gehörigen Mastzellen Botenstoffe freisetzen, die Nervenzellen aktivieren. Nun haben Wissenschaftler herausgefunden, dass umgekehrt auch die Neuronen direkten Einfluss nehmen.
( Quelle: Ausschnitte aus der Wellness Magazin 2/2006, Prof. Dr. Christine Uhlemann)
Ein gesunder Darm ist die Wurzel für ein gesundes Leben.